Braucht es linke Geschichtstheorie? Marx Gesellschaftstheorie als Grundlage linker Theorie und Praxis.

Vielleicht wurde kein Text von Marx so einflussreich wie das kurze Vorwort zu seinem ersten öffentlichen Anlauf einer Kritik der politischen Ökonomie von 1859. Auf diesen wenigen Seiten war für Viele zusammengefasst, was später ,,Historischer Materialismus” heißen sollte. Oft wurde unter Materialismus verstanden, dass nur dingliche Begehrlichkeiten geschichtliche Bedeutung haben und dabei Kunst und anderen „intellektuellen“ oder „emotionalen“ Bedürfnissen die Relevanz abgesprochen wird. Dass damit nicht das Verständnis von Marx, sondern ein Gegenstand seiner Kritik getroffen ist, hielt viele (darunter auch einige Marxist_Innen) nicht davon ab, dieses Missverständnis zu verfestigen. Die Historie wurde häufig zur Statik, oder die Geschichte kannte ihre eigenen Gesetze, die die Menschen nur mehr vollstreckten oder beschleunigten.

Wir wollen mit einer textnahen Untersuchung erarbeiten, welche Hinweise Marx an dieser Stelle zum Verständnis seines Denkens von der Geschichte der menschlichen Gesellschaften liefert. Von einzelnen Sätzen ausgehend werden Fragmente aus dem Marxschen Gesamtwerk herangezogen, um dessen Geschichtsverständnis in seiner Entwicklung kennenzulernen. Dabei sollen frühe wie späte Texte darüber Aufschluss geben, unter welchen Gesichtspunkten mit Marx politische Praxis beurteilt werden kann und ob diese Perspektiven noch für heutige Kämpfe aktualisierbar sind. Wir fragen also, was am Marxschen Materialismus in seiner Vermittlung von Determinismus und Freiheit ausmachte, ,,eine revolutionäre Methode zu sein“ (G. Lukacs).

Tobias Schweiger studiert Politikwissenschaft und Philosophie an den Universitäten Bremen und Oldenburg.